Montag, 22. Januar 2018

Warum "Girls Like You" manchmal melancholisch sein müssen

 

Es gibt ein Lied für jede Lebenslage. Davon bin ich überzeugt. Epische Musik für ebensolche Momente. Langsame Songs für die Pausen im Leben. Schnulzen für die Romantik, Partysongs für lange Nächte. Und dann gibt es diese Songs für die Augenblicke und Stimmungslagen, die man nicht genau beschreiben kann außer vielleicht mit komisch. Diese Momente, in denen man nicht weiß, ob man sich seltsam fühlt, weil man einen bestimmten Song hört oder den Song deshalb hört, weil man eh schon in seltsamer Stimmung war. Melancholisch trifft es wohl auch ganz gut. Nicht niedergeschlagen oder traurig, aber sicher auch nicht gut gelaunt oder fröhlich. Irgendwo dazwischen. Wenn man alleine durch die Straßen läuft, nach einem langen Arbeitstag die Ruhe braucht, um runterzukommen und nachzudenken. Dann kann man in dieser Stimmung sein und dann braucht man den passenden Song dazu, der all diese widersprüchlichen Gefühle vereint und dann irgendwie auch unterstützt.

Mein Song für diese Momente ist seit vielen Jahren Girls Like You von The Naked And Famous. Kennengelernt habe ich den Song irgendwo auf einer Münchner Tanzfläche, es war bestimmt in den frühen Morgenstunden, vermutlich war es ein Remix und ich ein wenig betrunken. Keine Ahnung, ob ich da schon wusste, welche Bedeutung dieser Song einmal für mich haben würde, aber ich bin ziemlich sicher, dass mir schnell klar wurde, dass er etwas Besonderes ist.

Musik ist für mich ein wenig wie Literatur. Ich analysiere die Texte, suche nach versteckten Botschaften und Bedeutungen. Schneide sie auf mich und meine Bedürfnisse zu. Songtexte sind für mich genauso wichtig, wie die Melodie, von der sie untermalt werden, wenn nicht sogar manchmal wichtiger. Das mag an meiner Vorliebe für Wörter liegen, aber sicher auch daran, dass Musik für mich eben stimmungsabhängig ist. Und manchmal brauche ich einen Text im Ohr, der genau das erzählt, was gerade in mir vorgeht.



Don't you know people write songs about girls like you? Irgendwann vor zig Jahren stand ich auf der Tanzfläche, der Song lief und ein flüchtiger Bekannter, der an diesem Abend zu einem Flirt werden sollte, deutete bei dieser Stelle auf mich. Ich tat geschmeichelt, aber im Gegensatz zu ihm hatte ich mich schon mit dem Text befasst und wusste zwei Dinge: Wenn man eines dieser Girls ist, ist das gar nicht so toll. Und Unrecht hatte er leider nicht, denn ich fühlte mich sehr angesprochen. Und das tue ich in den seltsamen Melancholiemomenten immer noch.

What will you do when something stops you?
What will you say to the world?
What will you be when it all comes crashing down on you little girl?

What would you do if you lost your beauty?
How would you deal with the light?
How would you feel if nobody chased you?
What if it happened tonight?


Rhetorische Fragen, die man sich mal mehr, mal weniger im Leben stellt. Und irgendwie fassen sie perfekt alle Unsicherheiten zusammen, die man haben kann. Wenn man das Gefühl hat, alles zerbröselt gerade. Oder auch nur, wenn man Angst davor hat, dass es passieren könnte. Wenn Veränderungen anstehen - selbst wenn sie gut sind. Wenn man sich einsam fühlt und nicht weiß, warum. Melancholie geht per Definition meistens auf keinen bestimmten Anlass zurück. Sie ist einfach da und irgendwann ist sie einfach wieder weg. Aber wenn sie mal da ist, dann hat man ihn eben. Diesen ominösen Weltschmerz.

How could you dance if no one was watching and you couldn't even get off the floor?

What would you do if you couldn't even feel, not even pitiful pain?
How would you deal with the empty decisions eating away at the days?

Ich weiß nicht, warum man über diese Girls Songs schreibt. Und wer das besungene Girl ist. Aber ich denke, dass sich viele von uns in diesem Song wiederfinden können, zumindest zeit- und teilweise. Wenn die Welt einen überfordert, wenn zu viel passiert oder auch zu wenig. Wenn man seine Ruhe haben will, aber nicht allein sein. Wenn man meckern will, aber gar keinen Grund dazu hat. Wenn man jammern will, aber andere nicht damit belasten. Wenn man weiß, dass man sich in diese Melancholiestimmung, in die Tristesse, hineinsteigert und eigentlich gar nichts dagegen tun will außer sie ein wenig zu genießen. Zu zelebrieren. Deswegen hört man nämlich Songs wie Girls Like You in Dauerschleife. Man lebt aus, dass man eines dieser Girls ist, und wenn es nur für einen Abend ist. Dann ist es nämlich genug und meistens sieht es am nächsten Morgen gleich wieder anders aus. Und dann hört man auch ein anderes Lied. Vielleicht eins über Girls, die den Boys den Kopf verdrehen. 

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