Montag, 5. Juni 2017

Leben wir nur noch für unseren Lebenslauf?



Es ist schon eine Weile her, dass ich mich intensiv mit meinem (gedruckten) Lebenslauf befasst habe. Vor knapp zwei Jahren befand ich mich in einer sehr langwierigen Bewerbungsphase und da ich mich in einem Feld bewarb, das sehr weit entfernt von meinem zu diesem Zeitpunkt aktuellen Beruf war, musste das Ding vor allem eins: Überzeugen. Davon dass ich geeignet war - klar. Aber auch davon, dass mein bisheriger Werdegang, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussah, die perfekte Voraussetzung für die Art von neuem Job war, den ich haben wollte. Was macht man also in so einem Fall? Alles reinpacken, was man jemals gemacht hat, war meine Devise. Und trotzdem war der Lebenslauf irgendwie ein wenig nichts sagend und leer. Irgendwie traurig, wenn man schon so lange in der Arbeitswelt unterwegs war und trotzdem gerade einmal eine A4-Seite füllen konnte.

Vor einiger Zeit kam ein Kollege von mir mit einem Satz daher, der mich seither nicht losgelassen hat. "Leben für den Lebenslauf", sagte er und stellte die Hypothese auf, dass wir das im Grunde alle aktuell machen. Wir machen Dinge, die spannend klingen und Personaler im Fall der Fälle davon überzeugen sollen, dass wir super sind und perfekt für einen fancy Job geeignet. Widersprechen kann ich ihm nach wie vor nicht wirklich, denn wenn man sich mal ein bisschen mit Leuten unterhält und deren Lebensläufe anschaut, dann kommt schnell die Frage auf: Hast du das gemacht, weil du wolltest und weil es dir Spaß gemacht hat oder weil du das Gefühl hattest, du müsstest es machen, weil es sich gut im Lebenslauf macht?

Ab und zu landen Lebensläufe auf meinem Tisch und auch wenn ich am Ende nicht entscheide, ob jemand eingestellt wird oder nicht, so schaue ich sie mir (neugierig wie ich bin), natürlich dennoch an und bilde mir eine Meinung. Ich finde Lebensläufe spannend, aber stelle immer wieder fest: Der gedruckte Lebenslauf ist in 90% der Fälle nicht wirklich aussagekräftig. Es kam schon öfter vor, dass ich mich zu einem späteren Zeitpunkt mit Leuten, deren Lebenslauf ich lange vor ihnen kannte, unterhalten habe und siehe da: Plötzlich wurde es spannend. Klar ist so ein Lebenslauf immer nur der Vorläufer für ein Gespräch, aber wenn man herausfindet, warum jemand diesen speziellen Schritt gegangen ist, ist das wesentlich interessanter. Und vor allem wird am Ende meistens die Frage geklärt: War das für dich selbst oder für deinen Lebenslauf?

Ich hoffe, diese beiden Dinge schließen sich nicht zwingend immer aus. Das wäre auch ziemlich traurig. Aber leider gibt es sicher einige Menschen, die etwas studieren, weil sie das Gefühl haben, sie müssten das tun und dann Jahre ihres Lebens damit verbringen ohne wirklich glücklich zu sein. Und ich finde es nach wie vor schwierig, beruflichen Erfolg über das zu stellen, was man wirklich will. Ich habe damals nicht eingesehen, warum ich unbedingt nach dem Abitur studieren muss. Klar habe ich es ausprobiert, aber zu diesem Zeitpunkt hat es mein Leben definitiv nicht bereichert, mich mit Englischer Literatur und Deutscher Sprachwissenschaft zu befassen und dabei eine unter gefühlt tausenden an der LMU München zu sein. Stattdessen begann ich eine Ausbildung - und denke nach wie vor, dass das eine sehr gute Entscheidung war. Ob sich das eine besser oder schlechter im Lebenslauf macht, war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Immerhin war ich gerade erst knapp zwanzig und zufrieden mit meinem Leben zu sein fand ich schon damals wichtiger.

Leben für den Lebenslauf kann aber auch etwas anderes heißen und das finde ich fast noch problematischer. In meinem Umfeld gibt es ein paar Leute, die sehr unglücklich in ihrem Job sind. Unfähige Chefs, zickige Kollegen, Aufgaben, die sie unterfordern und keine Perspektiven - das Spektrum ist groß und meiner Meinung nach würde schon einer dieser Aspekte reichen, um Adios zu sagen. Klar jammert jeder mal ein wenig und rosig ist es bei weitem nicht immer. Aber wenn man seit Jahren irgendwo arbeitet, unglücklich ist und dabei keine Änderung absehbar ist - wieso bleibt man dann da? Das Argument "Ich mache jetzt xy Jahre voll, dann schaue ich mich nach etwas neuem um" habe ich jetzt schon einige Male gehört. Und ja, ich kann die Logik dahinter verstehen. Man denkt sich, es wirkt komisch, wenn man nach einem Jahr wieder geht. Aber erstens ist das heutzutage nun wirklich keine Seltenheit mehr und zweitens kommt es immer auf die Argumentation an. Auch ich habe schon nach einem Jahr gekündigt und am Ende waren meine Argumente sogar eher ein Pluspunkt für mich und ich denke nicht, dass sich jemand dachte, ich hätte kein Durchhaltevermögen. Was man sich auch denkt, um zu rechtfertigen, warum man nicht einfach geht? Dass man sich etwas beweisen muss. Vielleicht, dass man doch noch das Ruder herumreißen kann, dass sich noch etwas ändern wird und dass man es trotz aller Widrigkeiten im ungeliebten Job schafft. Aber ganz ehrlich: Will man das? Man verbringt so viel Lebenszeit in der Arbeit, wieso sollte man sich denn bitte quälen, wenn es gar nicht sein muss?

Ich finde Menschen spannend, die einfach leben und am Ende doch etwas für ihren Lebenslauf getan haben ohne es zu planen. So wie eine Freundin von mir, die auf Weltreise ging und diese danach als sehr schlüssige Argumentation in Bewerbungen eingebaut hat - immerhin haben in dieser Zeit einige Soft Skills Verwendung gefunden - und man weiß ja inzwischen, dass diese bei Personalern gut ankommen. Hat sie ihre große Reise gemacht, weil sie das im Hinterkopf hatte? Mit Sicherheit nicht. Sie wollte einfach reisen und etwas erleben. Der Lebenslauf war nebensächlich, es ging um persönliche Erfahrungen, es ging darum, das Leben zu genießen. Und am Ende war die Zeit dennoch auch auf beruflicher Ebene hilfreich. So einfach kann es gehen. Und so sollte es auch gehen.

Gibt es Vorzeige-Lebensläufe? Sind das die mit den Vorzeige-Studium, dem tollen Bachelor gefolgt von einem Master mit Auslandssemester und Pipapo? Ich weiß ja nicht. Ich gähne dann eher, weil ich mir denke: Kreativ warst du da ja nicht. Und auch: War das nicht langweilig? Hattest du Spaß? Oder warst du einfach der Meinung, das muss so sein? Ich mag ein wenig voreingenommen sein, aber ich bin Fan von Quereinsteigern. Menschen, die viele verschiedene Dinge in ihrem Leben gemacht haben und sich irgendwann dachten: Jetzt ist es Zeit, etwas neues auszuprobieren (Hallo, liebe Komfortzone!). Ich finde es spannend zu hören, warum jemand jahrelang Industriemechaniker war und dann mit knapp dreißig beschlossen hat, er möchte in die Eventbranche. Oder wenn ein Banker nach langen Jahren in der Sparkasse noch einmal studiert und Lehrer wird - das sind nur zwei Beispiele von Freunden von mir, die eben nicht an ihren Lebenslauf dachten oder daran, wie das wohl wirken würde. Sondern daran, dass man eben das tun sollte, was man will. Und ja, bei beiden hat es geklappt und dass sie nicht den klassischen Weg gegangen sind, war vollkommen egal. 

In letzter Zeit erwische ich mich gerne dabei, Dinge zu tun, weil ich denke, dass sie sich gut im Lebenslauf machen. Aber immerhin bin ich noch nicht so weit, Dinge zu tun, die mir keinen Spaß machen. Was ich mache, mache ich, weil ich es machen will und nicht weil ich das Gefühl habe, ich müsste. Klar ist mein gedruckter Lebenslauf nach wie vor nicht perfekt, aber manchmal erzähle ich meinen Werdegang Leuten und stelle dabei fest: Geschadet hat mir das alles gar nicht. Und Spaß hatte ich auch. Zu jedem Zeitpunkt hat die Entscheidung genau in mein Leben gepasst. Und wenn es nicht mehr gepasst hat, dann habe ich etwas geändert. Die Lebensqualität stand dabei im Vordergrund. Um den Lebenslauf konnte man sich hinterher immer noch kümmern. 

Sonntag, 4. Juni 2017

Ich weiß nicht, ob ich Journalistin genannt werden will

Vor ein paar Wochen regte Brian May (der Gitarrist von Queen, was ich hoffentlich eigentlich nicht dazu sagen muss) sich fürchterlich auf. Man muss dazu sagen, dass Brian May sich relativ gerne aufregt - aber eigentlich immer zurecht, weil er sehr politisch engagiert ist und sich für Tierschutz einsetzt. Er ist also sicher kein grumpy old man, sondern einfach ein Mensch, der eine Meinung hat. Und diese auch kundtut - warum auch nicht, er hat ja keine allzu kleine Reichweite. Das, worüber er sich kürzlich aufregte, war eine Sache, die ich absolut nachvollziehen konnte und die mich leider schon sehr lange beschäftigt, wenn auch auf etwas andere Weise, als ihn.

Brian May hat ein Buch herausgebracht. Queen in 3D nennt es sich und er ist sehr stolz darauf, das merkt man immer wieder, wenn man seine diversen Social Media Kanäle verfolgt. Wie es Buchveröffentlichungen so an sich haben, nimmt ein Autor gerne möglichst viel Press Coverage mit, er will ja sein Werk bewerben. So auch Brian May. Und als jemand, der nicht erst seit gestern im Show Business ist, sollte man auch meinen, dass er weiß, mit wem er sich einlässt. Dachte er wohl auch, bis dann ein Artikel in der Sunday Times erschien, der eben dazu führte, dass ihm die Hutschnur platzte. Aber so richtig. Worüber genau er sich aufregt, kann man hier nachlesen - es lohnt sich auf jeden Fall, außerdem werde ich mich gleich auf einige seiner Punkte beziehen. Eine Frage, die er sich stellt: "Wie schlafen diese Leute eigentlich nachts?" Mit Diese Leute meint er die Autorin des Textes, die Herausgeber und alle Beteiligten, die ein Interview mit ihm genommen haben und statt seine Wünsche zu respektieren und einen interessanten Artikel zu schreiben, sind sie lieber (wie leider so oft) auf die reißerische Schiene abgedriftet. Und ich muss Brian May zustimmen. Ich an deren Stelle könnte nicht mehr schlafen. Aber ich würde auch nichts derartiges fabrizieren, nur weil ich der Meinung bin, dass ich mehr Leser gewinnen kann, wenn ich Skandale erschaffe, wo gar keine sind. Vielleicht verkaufen sie ein paar Exemplare mehr, aber ich weiß nicht, ob Geld immer alles aufwiegen kann. Einen Menschen, der einem ein gewisses Maß an Vertrauen entgegengebracht hat, so öffentlich zu enttäuschen - das muss man erst einmal mit sich selbst vereinbaren können. Zudem stelle ich jetzt einfach mal die Behauptung auf, dass Brian dieser Publikation niemals mehr auch nur einen Satz zur Veröffentlichung geben wird. 

Ich habe Journalismus studiert. Darauf bin ich einerseits der stolz, weil das Schreiben meine Leidenschaft ist, weil es mir Spaß macht und weil ich eigentlich immer fand, dass ich mich damit identifizieren kann zu sagen "Ich bin Journalistin". Ich fand immer, das klang nach einem guten Beruf, nach einer Bezeichnung, die viel aussagt und die vielfältig ist. Inzwischen hat sich das leider geändert. Davon abgesehen, dass ich aktuell nicht als Journalistin arbeite (bzw. nur unregelmäßig nebenbei), suche ich seit einiger Zeit einen alternativen Jobtitel, mit dem ich mich eher identifizieren kann und will. Das erste Mal kam mir der Gedanke, dass das nötig sein könnte, als ich gerade frisch aus dem Studium kam und noch mit stolz geschwellter Brust sagte "Ich bin Journalistin". Ich war mit einer Freundin auf einem Steven Wilson Konzert. Da sie ihn ziemlich gut kennt, waren wir danach Backstage und ich kam mit ihm ins Gespräch. Als ich irgendwann sagte, ich sei Journalistin, sah er mich in etwa so an, wie ich Nacktschnecken ansehe - dazu muss man wissen, dass ich wenig auf der Welt so schlimm finde, wie diese Viecher. Was er dann sagte, blieb mir seither im Gedächtnis und dabei ist es wirklich schon eine Weile her: "What a noble profession." Und ja, natürlich meinte er das ironisch. Und ich war plötzlich so klein mit Hut. Natürlich hatte ich ihm persönlich nichts getan, aber die Aussage war klar: Er hatte mit Journalisten schlechte Erfahrungen gemacht und somit aus vermutlich gutem Grund alle über einen Kamm geschert.

Sich aktuell mit Journalismus zu beschäftigen, kann sehr sehr deprimierend sein. In Zeiten von Fakenews und Clickbaiting hat diese Branche so viel an Reiz verloren, dass es einen wirklich traurig macht - vor allem, wenn man jemand ist, der gerne ernsthaft auf diesem Gebiet arbeiten wollen würde und vor allem der Meinung ist, dass guter Journalismus viel bewirken kann. Aber es ist schwierig. Wäre ich die Autorin des Textes, über den Brian May sich so aufregt, wäre ich... mir fällt als Erstes mortified ein. Ich würde mich schämen und ich hätte ein schlechtes Gewissen. Was ich allerdings fürchte: Ihr geht es eher nicht so. Sonst hätte sie es ja nicht gemacht. Aber wie jemand, der einen Funken Anstand und Integrität besitzt, den Leuten dermaßen die Worte im Mund umdrehen kann, ist mir ein Rätsel und entspricht einfach nicht dem, wie ich den Beruf eines Journalisten bisher immer gesehen habe.

Ich arbeite eng mit einer Redaktion zusammen und habe mich letztens mit einer Kollegin unterhalten, die dort als Redakteurin arbeitet. Irgendwann meinte sie "Ich wollte halt immer Journalistin werden". Ich fand das trotzdem schön. Denn ich konnte sie verstehen, immerhin ist Schreiben auch immer schon meine Leidenschaft gewesen. Vor allem aber weiß ich von ihr, dass sie es mit der journalistischen Integrität eben genau nimmt. Sie schreibt bei uns über Technik, aber auch für diverse Publikationen über Musik und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie nie ein Interview mit einer Band führen würde und die Antworten so hindrehen, dass sie Schlagzeilen produzieren. Weil es nicht darum geht, sondern darum, die spannende Wahrheit zu erzählen. Wenn man das nicht hinkriegt, dann hat man das Interview vermutlich auch einfach falsch geführt.

Es ist schon eine Weile her, dass ich regelmäßig Interviews geführt habe, aber ich hatte immer Spaß dabei. Ich mochte es, mir Fragen auszudenken. Spannende Leute, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, sind tolle Gesprächspartner und im Idealfall hat man sich einfach eine Weile gut unterhalten und dabei einige interessante Dinge erfahren. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, die Antworten von irgendjemandem so gravierend zu ändern, dass sie vielleicht spannender, aber dafür auch unwahrer werden würden. Auf die Idee kam ich nie - auch, wenn ein Gespräch einmal nicht so viel hergab, wie ursprünglich geplant war oder wie ich mir erhofft hatte. Das war dann eben Pech - aber immerhin begab ich mich nicht auf ein Niveau herab, dass mich mit der Boulevardpresse gleichgesetzt hätte. Mit Ausnahme eines einzigen Interviews musste ich übrigens keinen der Texte vorab zur Freigabe schicken - das hieß somit auch, dass meine Gesprächspartner darauf vertrauten, dass ich sie nicht über den Tisch ziehen und verunglimpfen würde. 

Wenn man die "Journalisten" der Fraktion Skandalreporter fragen würde - wahrscheinlich würden sie argumentieren, dass die Leser selbst schuld sind. Dass sie es so wollen. Dass niemand kauft oder klickt, wenn die Schlagzeilen nicht so richtig reinhaut oder irgendetwas "aufgedeckt" wird. Ob es nun stimmt oder nicht - egal. Ob jemand dabei verletzt wird oder nicht - wen interessiert das, wenn der Rubel rollt. Ich finde das (und jetzt Pardon my French) einfach ekelhaft. Und das ist nicht der Beruf, mit dem ich mich identifizieren will. Wäre ich jetzt in einem englischsprachigen Land, würde ich es machen wie Carrie Bradshaw und sagen "I'm a writer". Aber irgendwie ist das schwierig bei uns. Ist man Autor? Finde ich nicht. Man kann sagen "Ich schreibe" - aber das ist ja keine Berufsbezeichnung. Schreiben kann man auch einen Einkaufszettel. Es ist schwierig und zu einem Ergebnis bin ich auch noch nicht gekommen. Vielleicht sollte man auch drüber stehen, dass so manche "Kollegen" den Beruf des Journalisten mit ihren Werken verunglimpft haben und es einfach besser machen. Der richtige Ansatz wäre es irgendwie.
Bis es soweit ist, gilt bei mir halt der Begriff Wortakrobatin. Damit kann ich sein, was ich will und da sich jeder etwas anderes darunter vorstellt, kann der Titel gar nicht negativ besetzt sein. Und wenn, dann bin ich selber schuld, weil ich Quatsch gemacht habe. 

(Die Bilder oben sind übrigens aus der Peter Lindbergh Ausstellung in der Münchner Kunsthalle. Ich fand sie passend, weil Lindbergh zum Einen viel für Modemagazine fotografiert und weil diese vielen verschiedenen Bilder für mich den Facettenreichtum zeigen, den ich eben eigentlich auch im Journalismus sehe)

Samstag, 3. Juni 2017

Das Konzept Comfort Zone und wie ich damit allen auf den Keks gehe

Vor ein paar Tagen schickte mir eine Kollegin eine Excel-Tabelle zu. Das ist an sich nichts ungewöhnliches bzw. passiert jedem von uns vermutlich mehrmals täglich. Ich dachte mir also auch nichts dabei, als ich die Datei öffnete, immerhin erwartete ich nur ein paar Zahlen (würg) oder ein bisschen Text. "Ein bisschen Text" war tatsächlich drin, aber nicht so, wie ich mir das gedacht hatte. Neben der erwarteten Tabelle prangte nämlich ein riesiges Bild, das mir entgegen rief: Great Things Never Came From Comfort Zones. Und ich musste erst einmal lachen. Zum Einen, weil der Spruch so unerwartet kam, zum Anderen, weil ich selbst den Leuten seit ein paar Wochen mit meinem Comfort Zones gehörig auf den Keks gehe. 
(Und ja, keiner kann diese motivierenden Sprüche-Bilder mehr sehen, aber ich packe sie hier trotzdem mit rein. Ätsch.)

Lange Zeit habe ich mich gar nicht wirklich mit dieser ominösen Sache beschäftigt, was vermutlich daran lag, dass ich ganz zufrieden war in meiner Zone - ist ja auch bequem da und man lebt so gemütlich vor sich hin - passt doch. Aber die großartigen Dinge, die Magie oder - wenn man ganz enthusiastisch ist DAS LEBEN! -  passieren einem dann, wie die vielen Sprüche so schön sagen, eher selten. Immer fleissig an Dingen teilnzunehmen und dabei eine Rolle im Hintergrund zu spielen, war mir lange Zeit ziemlich recht, weil ich das Gefühl hatte, etwas zu tun ohne dass es mir "Angst einflösste" oder mich aus meiner Bequemlichkeit herausholte. 29 Jahre lang kam ich damit ziemlich gut zurecht und ab und zu lockten mich andere aus meiner kleinen Ecke heraus und "zwangen" mich dazu, über meinen sprichwörtlichen Schatten zu springen. Aber wenn es sich vermeiden ließ, dann ging ich doch auf Nummer Sicher. Und vor allem kam ich selten bis gar nicht auf die Idee, selbst diesen Schritte oder gar ein paar Schritte zu wagen.

Ich weiß nicht, wie und wann es gekommen ist, aber seit neuestem ist mein Mantra (wenn man so will) eher das Gegenteil geworden. Jetzt denke ich mir erstaunlich oft "Mach das, das ist außerhalb deiner Comfort Zone". Und dann mache ich es auch. Oft sind es kleine Dinge, manchmal muss ich mich aber wirklich etwas trauen. Und siehe da: Es ist bisher noch nicht schlimmes passiert, tatsächlich eher gute Sachen und am Ende war ich irgendwie stolz auf mich. Und vor allem habe ich etwas festgestellt: Wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt, dann kommt man auch vorwärts. Darauf warten, dass andere etwas für einen tun, weil man sich selbst nicht traut, hat irgendwie noch nie wirklich geholfen. Und vor allem: Wenn man selbst beschließt, dass es jetzt soweit ist, dann traut an sich auch wirklich und ist nicht nur halbherzig dabei, weil jemand anders das will oder man diesem jemand etwas beweisen will. 

Die Comfort Zone fasziniert mich. Nicht nur meine eigene und mein Verhältnis zu ihr. Das ganze Konzept ist irgendwie spannend. Wie definiert man sie? Wie unterschiedlich ausgeprägt ist sie bei den verschiedenen Menschen? Muss man sie wirklich verlassen oder sollte man die Zone einfach erweitern? Was bringt es denn, wenn man sich außerhalb der Comfort Zone bewegt und sich dabei ständig unwohl fühlt? 


Wikipedia sagt zur Comfort Zone folgendes: "A comfort zone is a psychological state in which things feel familiar to a person and they are at ease and in control of their environment, experiencing low levels of anxiety and stress. In this zone, a steady level of performance is possible. Stepping out of a comfort zone raises anxiety and generates a stress response. This results in an enhanced level of concentration and focus." Und damit ist auch ganz gut beschrieben, welches Problem ich - trotz all der positiven Aspekte und Erfahrungen - mit diesem Konzept habe. Denn dass man gestresst wird, nur weil man seine Zone verlässt, das finde ich dann wiederum eher kontraproduktiv. Ich will mich ja nicht freiwillig selbst fertig machen. Es sei denn, ich habe so ein wenig masochistische Tendenzen, aber das steht wohl auf einem anderen Blatt.

Ich finde, wie so oft im Leben, sind auch hier die vielen Grauzonen zwischen schwarz und weiß interessant. Denn von einem "Ich sitze immer in der hintersten Ecke und sage nichts" gleich zu einem "Ich stelle mich vorne hin und halte einen halbstündigen Vortrag" zu springen, nur weil man das Gefühl hat, sich und anderen etwas beweisen zu müssen - macht das jemand? Und kann das klappen oder wird es vor lauter Nervosität eher nach hinten losgehen? Damit anzufangen, sich aktiv an Diskussionen zu beteiligen - das ist doch ein guter erster Schritt. Und wenn einen dann niemand aufgefressen hat, dann kann man darauf aufbauen und schauen, wohin man damit kommt. Auch kleine Schritte führen irgendwann dazu, dass man sagen kann "Guck an - da hab ich mich mal was getraut!" 

(An dieser Stelle des Textes kam im Übrigen meine Mutter vorbei und meinte: "Ahja, gutes Thema, du gehst ja eher ungern aus deiner Comfort Zone heraus!" - So viel dazu...)

Komfortzonen können vieles sein und beschränken sich sicher nicht nur auf die Arbeit. Letztens war ich zum Beispiel wandern - und das war bisher sicher keine Sache, bei der ich mich wohl gefühlt habe. Sogar den Gedanken daran fand ich gruselig. Hinterher war ich aber seltsam zufrieden (plus erschöpft) und ein bisschen stolz, dass ich selber auf die Idee gekommen war, irgendwo herumzukraxeln. Keiner musste mich überreden oder fragen - ich hatte einfach Lust darauf, mal etwas neues zu machen und nicht einfach kategorisch "Nein danke" zu sagen. 


Anderes Beispiel: Kürzlich war ich beim FutureLab des Media Lab Bayern und hatte, vor allem weil ich ziemlich müde war, selbst keine große Lust, meine zu diesem Zeitpunkt relativ passive Comfort Zone zu verlassen. Ich beteiligte mich an der Diskussion in meiner Gruppe und betrieb ein wenig Networking, was eh schon eine Steigerung zum ominösen "früher" war. Aber ich dachte nicht im Traum daran, das Ergebnis besagter Gruppe zu präsentieren. Ganz anders mein lieber Freund Lukas. Als keiner aus seiner Gruppe sich bereit erklärte, stellte er sich vorne hin und erzählte. Und als er sich danach wieder hinsetzte, grinsten wir beide stolz und er meinte nur "Stephie - Ich bin aus meiner Comfort Zone raus!". So einfach ging das und weil er es selbst wollte und sich "bereit" dazu fühlte, war er auch nicht gestresst. Nervös vielleicht, ja. Aber auch das merkte man erst hinterher ein bisschen.

Wie sehr ich mich mit einer Sache beschäftige, sieht man meistens schnell daran, wie viel ich darüber spreche und wie vielen Leuten ich davon erzähle. Seit ich die Grenzen meiner Comfort Zone austeste und das richtige Konzept für mich suche, habe ich bestimmt schon jedem in meinem engeren Freundeskreis davon erzählt. Keine Ahnung, ob ich dadurch manche Leute dazu animiere, auch darüber nachzudenken (so viel Einfluss habe ich dann wohl doch nicht), aber es passieren auch andere schöne Sachen. Zum Beispiel, dass der Artikel 7 Tipps, wie du easy aus deiner Komfortzone ausbrechen kannst auf Edition F online ging und mir die liebe Patricia den Link schickte mit dem Kommentar "Irgendwie hatte ich das Gefühl dieser Artikel hätte auch von dir sein können :D" - über solche Nachrichten freue ich mich dann wie ein Schnitzel, zumal ich zu diesem Zeitpunkt schon geplant hatte, tatsächlich etwas darüber zu schreiben. Die Tipps in diesem Artikel sind übrigens wirklich sehr gut und vor allem wird das "Konzept" so verstanden, wie ich es auch sehen will. Sich auf das besinnen, was man kann ist ein guter erster Schritt. Denn es bringt gar nichts, wenn man meint, man müsse jetzt unbedingt etwas richtig gut machen, was man gar nicht kann oder woran man eigentlich auch kein Interesse hat - das enttäuscht dann doch nur. Und Tipp Nummer 5 (Überall Glitzer streuen) ist sowieso mein Highlight. Ich mache das nämlich auch - Und wenn ich nur das Design meines Browser in Glitzer umändere, wie ich es erst vor ein paar Tagen gemacht habe. 

Sonntag, 28. Mai 2017

Unsere liebsten Leinwandheldinnen - Vorbilder oder abschreckende Beispiele?

"What would xy do" ist so eine Frage, die es nicht erst seit gestern gibt, die sich aber nach wie vor allergrößter Beliebtheit erfreut. Wenn Frau nicht mehr weiter weiß, dann überlegt sie sich "What Would Audrey Do?" (und bekommt hier das passende Buch dazu), oder auch "What Would Jackie O. Do?" (man glaubt es kaum - hier hat ebenfalls ein Buch die Antworten parat) und was natürlich immer geht: "What Would Beyonce Do?" Die Möglichkeiten sind schier endlos und für jeden Typ Mensch bzw. jede Situation hat man jemanden parat.
Auch ich erwische mich manchmal bei dieser Frage und tausche, je nach Situation, die Person aus. Mal ist es Carrie Bradshaw, mal ist es Holly Golightly, mal Rory Gilmore, manchmal aber auch ihre Mutter Lorelei. Auch ich habe ein ganzes Arsenal an Vorbildern, an denen ich mich gerne einmal orientiere.

Wobei orientieren vermutlich gar nicht das richtige Wort ist. Vielleicht würde eher passen, dass ich mich an ihnen messe, mich mit ihnen vergleiche, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suche und versuche, daraus eine Lehre zu ziehen. Ich erwische mich oft bei Gedanken wie "In meinem Alter hat xy folgendes gemacht" oder auch "Na noch bist du ja nicht 35 wie Carrie Bradshaw". Nüchtern betrachtet ist das alles natürlich relativ schwachsinnig, weil niemand ein Leben wie eine Serien- oder Filmfigur führt - egal, wie realistisch diese geschrieben und dargestellt sein mag. Aber man tut es trotzdem.


Als ich angefangen habe zu sammeln, welche Damen ich denn mehr oder weniger zu Rate ziehe, wenn ich eine kleine (oder auch mal größere) Lebenskrise habe, fiel mir eine Gemeinsamkeit auf: Sie sind alle nicht sonderlich sympathisch, wenn man es genau betrachtet und mal ein wenig darüber nachdenkt. Wahrscheinlich macht sie das zu Charakteren, mit denen man sich identifizieren kann, denn wer ist schon immer nett? Aber auf der anderer Seite ist es auch ein wenig befremdlich, dass man sich an Frauen (mögen sie auch fiktiv sein) wendet, die eigentlich keine Vorbilder sein sollten.

Carrie Bradshaw
Manchmal wäre ich gerne Carrie. Sogar erstaunlich oft, wenn ich ehrlich bin. Als Freelancerin schreiben, in New York leben, einen tollen Kleiderschrank und wunderbare Freundinnen haben - Wieso nicht? Klingt nach einem Leben, das ich ganz gut führen könnte. Meistens ist mein Leben ein wenig so, wie First Season Carrie. Irgendwie kein Geld, irgendwie seit Ewigkeiten Single, irgendwie ein bisschen verloren. So weit die Parallelen. Ansonsten fällt mir bei jedem weiteren Sex and the City Rewatch auf, dass ich charakterlich so gar nicht wie Carrie sein will. Sie ist oft eine schlechte Freundin, weil sie absolut nicht zuhören kann und auf jedes Problem mit einem eigenen Problem antwortet. Zu den Männern ist sie auch meistens nicht wirklich nett (Aiden mit Big zu betrügen - großes Kino!) und neurotisch ist sie obendrauf auch noch mit Tendenz zur Superzicke (Beispiel gefällig?)
Vorbildfunktion? 30%

Holly Golightly
Eigentlich sollte Holly überhaupt kein Vorbild sein, aber ich hatte sie einmal eingebaut in ein "Beschreibe dich selbst mit drei Leinwandheldinnen"-Ding und schulde es ihr demzufolge, dass sie hier auftaucht. Ich weiß gar nicht, wo ich Ähnlichkeiten zu Holly sehe oder wo sie ein Vorbild sein kann. Ich vermute mal, es ist ihr Freigeist, der es mir angetan hat. Sie lässt sich nicht einsperren, was sie auch gerne mal betont und eigentlich ist sie ständig "auf der Flucht" vor etwas. Als Wassermann-Frau par excellence kann ich das mehr als nur nachvollziehen. Und wie wir alle wissen (Spoiler) wird das am Ende ja doch noch etwas mit ihr und man hat so eine kleine Charakterentwicklung miterlebt. Holly versteht man ansonsten am besten, wenn sie sich selbst erklärt: Hier zu sehen. 
Vorbildfunktion? 20%

Rory & Lorelai Gilmore
Die Gilmore Girls. Großer Vorteil der beiden: Ich möchte in Stars Hollow leben. Für immer und ewig. Wie alle Fans der Serie ist das kleine Örtchen wie eine zweite Heimat für mich und vor allem im Herbst würde ich wahrscheinlich vor Begeisterung durch das Laub toben wie ein liebestoller Kirk. Rory und Lorelai trinken mindestens so viel Kaffe wie ich, Rory liest noch ein wenig mehr Bücher als ich (untertrieben) und schnell reden kann ich auch. Manchmal sehe ich mich als Gilmore Girl. Und manchmal eben auch nicht. Als ich jünger war, war ich Rory sehr ähnlich. Inzwischen bin ich wohl eher Lorelai (worüber ich schon hier philosophiert habe). Als ich letztens A Year In the Life zum zweiten Mal geschaut habe, habe ich einige Parallelen zwischen mir und Rory entdeckt, vor allem, was Dinge wie Zukunftsangst und Ziellosigkeit angeht. Fast hätte ich mich so richtig mit ihr identifiziert und mir ein paar Sachen von ihr abgeschaut. Bis dann das mit den Männern kam. Dann hatte ich nicht nur das Gefühl, einen völlig anderen Charakter vor mir zu haben, sondern fragte mich auch, wie ich von so einer Person etwas lernen soll oder will. Ein Beispiel gefällig? Aber gerne doch
Vorbildfunktion? 40%

Patti Robinson
Good Girls Revolt schaue ich nun bereits zum zweiten Mal, weil mich die Serie auf vielen Ebenen fasziniert. Vom Treiben in einer Redaktion in den späten 60ern über die Emanzipation der Frauen in dieser Zeit bis hin zum Soundtrack - Ich mag die Serie und ich schaue sie gerne. Leider wurde sie ja nach einer Staffel abgesetzt, dafür ist diese richtig gut. Patti Robinson ist eine der Hauptpersonen - Wenn man so will, dreht sich ein Großteil der Story um sie. Patti ist Researcher bei News Of The Week. Das heißt, sie findet für "ihren" Repoter alle wichtigen Infos, die er zum Verfassen der Artikel braucht. Patti hat ein wahnsinniges Wissen, ein umfangreiches Netzwerk und scheut nicht davor zurück, auch einmal Risiken einzugehen für eine Story, die am Ende dem Reporter Ruhm einbringen wird. Zudem mag ich, dass man sie (grob gesagt) als Bohemian bezeichnen kann. Wieder so ein Freigeist. Problem an Patti? In ihrer unabhängigen Art verletzt sie gerne einmal die Gefühle ihrer Mitmenschen - zwar geht sie nicht unbedingt über Leichen, aber sie scheut eben vor wenig zurück. Der Trailer zeigt das ziemlich gut. 
Vorbildfunktion? 60%


Céline aus der Before Sunrise Trilogie
Ich komme gerade aus Wien und das verlangte natürlich nach Before Sunrise. Da ich diesen Blogeintrag schon im Hinterkopf hatte, als ich den Film vorhin geschaut habe, achtete ich also mehr oder weniger bewusst auch auf Céline und was für ein Charakter sie ist. Vor allem, wenn man die komplette Trilogie gesehen hat, kann man sich ein gutes Bild von ihr machen und sie einschätzen. Was zuerst auffällt? Sorry, aber die neurotische Klischee-Französin ist sie auf jeden Fall. Aber Céline ist vor allem eine wahnsinnig kluge Person mit einem feinen Sinn für Humor und einem hohen Selbstwertgefühl. Sie lässt sich von niemandem etwas sagen und das schüchtern den guten Jesse natürlich ein, vor allem als sie sich kaum kennen und durch Wien wandern (siehe zum Beispiel hier). Aber ganz offensichtlich gefällt ihm das an ihr genauso gut wie mir. Mit Céline würde man selbst gerne in einem Pariser Café sitzen und ein par Zigaretten rauchen - hinterher wäre man um einige Lebensweisheiten reicher und hätte zudem etwas über Kunst, Literatur und Geschichte gelernt.
Vorbildfunktion? 70%

Freitag, 19. Mai 2017

Faszination BarCamps - Warum ich mich so gerne auf Unkonferenzen herumtreibe

Montagmorgen. Der erste Weg im Büro führt zur Kaffeemaschine  - Wie soll man denn auch sonst irgendwie wach werden?
Kaum habe ich einen Fuß in die Küche gesetzt, ruft ein (offensichtlich sehr ausgeschlafener Kollege) "Und? Wie war's? Erzähl mir alles!"

Montags nach den Aktivitäten vom Wochenende gefragt zu werden, ist ja nun nicht ungewöhnlich. Meistens schwankt das bei mir zwischen "Habe nichts gemacht / Wohnung geputzt / eine komplette Serie geschaut" und "War irgendwo unterwegs und / oder in diversen Bars." Dass es dieses Mal ein wenig spannender war, wusste besagter Kollege allerdings, denn wir hatten kurz zuvor eine Gemeinsamkeit entdeckt: BarCamps. Zufällig waren wir beide im März auf dem #barcampmuc gewesen und ich hatte ihm erzählt, dass ich im Mai auf das #isarcamp gehen würde. Da er selbst keine Zeit hatte, wollte er natürlich einen ausführlichen Bericht haben.

Das Problem, wenn ich von BarCamps erzählen will, ist ja oft, dass ich nach all dem Input dastehe, versuche, meine Gedanken zu ordnen und am Ende nur das Langweilige erzähle. Dass ich total viel kreativen Input bekommen habe, mit spannenden Leuten geredet, viel gelacht, viel gelernt und einfach einiges "mitgenommen" habe, kommt dabei oft nicht so rüber, wie es sollte. Irgendwie kriege ich es zum Glück aber trotz meiner manchmal dürftigen Beschreibungen hin, immer mehr Leute dafür zu begeistern, so eine Unkonferenz (Wikipedia erklärt das Prinzip ganz gut) mit mir zu besuchen. Julia, die im Mai zum ersten Mal dabei war, meinte bereits nach ein paar Minuten, dass sie beim nächsten Mal eine Session halten würde - mal davon abgesehen, dass sie sich gleich so richtig ins Networken stürzte und mich damit ziemlich beeindruckte.

BarCamps leben von den Teilnehmern. Bloßer Besucher ist niemand, passiv sein gibt es eigentlich nicht. Man muss schon aktiv werden - in welchem Maße bestimmt man dabei selbst. Ob man nun Orga ist, eine Session hält, aktiv diskutiert oder doch nur in einem Workshop einen kleinen Beitrag leistet: Hier wird nicht so konsumiert, hier wird eher produziert. Und manchmal ist das ein großer Schritt aus der eigenen Comfortzone heraus - also eine sehr wichtige Sache, denn wenn man immer nur das macht, was man sich traut und was bequem ist - wie soll man dann vorwärts kommen? Ich persönlich merke von Mal zu Mal mehr, dass meine Comfortzone sich verändert. An meinem dritten BarCamp habe ich garantiert aktiver teilgenommen, als an meinem ersten. Zwar scheue ich immer noch vor einer eigenen Session zurück, weil ich "mein" Thema auch noch nicht gefunden habe, aber zumindest spiele ich inzwischen eher mit dem Gedanken, doch mal etwas vorzustellen.

Und weil wir ja alle gerne Listen mögen (oder?), kommen jetzt die ultimativen Gründe, warum auch ihr auf ein BarCamp gehen solltet. Spoiler: Bereuen werdet ihr es mit Sicherheit nicht und bei einem Mal bleibt es auch selten.

Die Menschen
Wenn ich als Nicht-Menschenfreund (nett ausgedrückt) sage, dass irgendwo gute Leute sind, dann sollte man mir das wirklich glauben. Wenn man öfter auf BarCamps geht, trifft man einen harten Kern von 15 bis 20 Leuten vermutlich jedes Mal. Die meisten von ihnen sind entweder Orga bei einem oder mehreren Camps, halten Sessions oder sind anderweitig aktiv beteiligt. Sie alle haben gemein, dass sie wahnsinnig kreativ sind, tolle Ideen haben, über ein gutes Netzwerk verfügen und zudem auch noch nett sind. Alles Gründe, warum man sich mit ihnen unterhalten sollte. Manchmal hat man vielleicht das Gefühl, in eine Art Filterblase gelangt zu sein, aber da immer wieder Neulinge dazustoßen, ist die Gefahr, dass man zu einer allzu eingeschworenen Gemeinde wird, relativ gering. 

Das Networking
Faszinierende Sache. Ich denke nach wie vor, dass ich darin aktuell nicht sonderlich talentiert bin, aber manchmal muss man das gar nicht sein, weil man von Networking-Profis angesprochen wird oder mit welchen unterwegs ist. So oder so: Es ist ein wichtiger Teil der BarCamp-Erfahrung, sich mit Leuten auszutauschen, zu quatschen und eventuell sogar Ideen zu entwickeln. Am Ende des Tages kann es sein, dass man neue Freunde gefunden hat, aber auch neue Kollegen, Kunden, Geschäftspartner oder Sponsoren. Und das alles in einem ungezwungenen Rahmen, in dem man sofort per Du ist und entspannt, ohne Zwang oder allzu viele Hintergedanken, über Projekte plaudern kann.

Die Denkanstöße
Über mein KreaTief und den Zusammenhang zu BarCamps habe ich ja bereits geschrieben. Seitdem hat sich einiges getan und ich denke, Kreativität, Impulse und Denkanstöße zu bekommen, ist keine Seltenheit, wenn man sich ein paar Sessions angeschaut oder an Workshops teilgenommen hat. Ich persönlich gehe in jeden Vortrag, der mit kreativen Methoden zu tun hat - warum auch nicht? Es schadet sicher nicht und es kommt nicht selten vor, dass man mit einem kreativen Hoch nach Hause geht, sich hinsetzt und endlich wieder etwas fabriziert.

Die Locations
Das Office mit Windows, die Design Offices - Münchner BarCamp Teilnehmer haben es gut. Die beiden Locations, in denen ich bisher war, sind großartig und eignen sich perfekt für diese Art von Veranstaltung. Meetingräume in verschiedenen Größen, top technische Ausstattung, spannende Einblicke - hier fühlt man sich wohl! Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit "einfach mal so" bei Microsoft reingeschaut hätte. Bei meinem ersten BarCamp dort konnte ich sogar an einer Führung durch die Büroräume teilnehmen - beeindruckend.

Die wichtigsten Links
#isarcamp
#barcampmuc
#dmcmuc

P.S: Ich schmeiße natürlich nicht wahllos mit Hashtags um mich. Aber die sind bei BarCamps mitunter nicht unwichtig. Die Vorstellungsgrude verlangt nämlich oft, dass man sich mittels dreier Hashtags beschreibt. Meine? #wortakrobatin #kaffee #glitzer