Mittwoch, 26. Oktober 2011

passing silhouettes of strange illuminated mannequins


(Ja, ich zitiere mal Alphaville im Titel, ich hatte eben einen Ohrwurm von Big in Japan)

Dachte man in letzter Zeit an Japan, so tat man das meistens in einem nicht unbedingt positiven Sinne. Seit Fukushima hat dieses Land für viele einen etwas bitteren Beigeschmack bekommen, ob nun bewusst oder unbewusst. Die Tragödie überschattet so einiges, vor allem das, was dieses Land eigentlich so zu bieten hat und die Faszination, die es ausübt, vor allem auf uns Europäer.

Eines gleich vornweg: Ich war noch nie in Japan. Trotz besagtem Unglück habe ich mir aber fest vorgenommen, mal dorthin zu reisen und sei es nur, um mir Tokyo anzuschauen. Alleine ein Besuch dieser Stadt würde mich vermutlich sowieso umhauen und mir einen Kulturschock verpassen. Wahrscheinlich würde es mir gehen wie Scarlett Johansson bzw. der von ihr verkörperten Charlotte in Lost in Translation. Der Film an sich ist schon ein Meisterwerk und noch besser macht ihn, wie viel man, neben der menschlichen Seite, von Tokyo, der japanischen Kultur und auch der Mentalität kennenlernt. Seit ich diesen Film gesehen habe, will ich auch in ein Hotelzimmer von dem aus man die Stadt überblicken kann, will alleine durch die Straßen laufen, einen Tempel besuchen... Karaoke singen will ich allerdings nicht, auch, wenn mir klar ist, dass das zur japanischen Kultur gehört.

Meine Faszination mit Japan begann allerdings nicht erst, als ich Sofia Coppolas Meisterwerk zum ersten Mal sah, sondern schon viel viel früher. Als ich Animes entdeckte. Mit denen ist man in den Neunzigern ja praktisch aufgewachsen. Sailor Moon, Mila Superstar, Die Kickers, Katzenauge, etwas später dann Digimon, Pokémon und Kamikaze Kaito Jeanne. Mir ging es wie meinen Freunden: Wir klebten regelmäßig vor der Mattscheibe. Mich faszinierte auch damals schon der Unterschied der japanischen Lebensweise zur europäischen - die vielen Traditionen, die man bei uns so gar nicht kennt, die ungewöhnliche Architektur der Häuser, die fremdartigen Speisen - einfach alles! Sobald ich lesen konnte, verschlang ich also auch Mangas, lernte ein paar japanische Brocken und Namensendungen wie -chan als Verniedlichung, -kun für männliche Freunde... alles wurde immer faszinierender!

Als ich alt genug war, mich mit Mode und Musik bewusst auseinanderzusetzen, ging es weiter! Da in Japan Schuluniformen Pflicht sind auch Erwachsene in ihren Anzügen einheitlich aussehen wollen, ist es vor allem die Zeit während des Studiums, die es jungen Japanern ermöglicht, sich bunt und einzigartig zu kleiden. Und das wird von vielen auf die Spitze getrieben. Ob nun als Cosplayer, die Anime-Charaktere nachahmen oder als Lolitas - der Fantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt, wie auch diverse Bildbände beweisen: Fruits, Gothic und Lolita und Fresh Fruits. Eine Zeit lang wollte ich mich auch immer so anziehen, getraut habe ich mich das nie bzw. immer nur in kleinen Details, die sowieso niemandem auffielen.

Die Musiker in Japan treiben es ja noch auf die Spitze, am liebsten spielen sie zudem mit dem Verwischen der Geschlechtergrenzen. Ich war ein Riesenfan von Gackt, ich gebe es zu. Der zeigte zumindest noch in Ansätzen seine männliche Seite, wohingegen einige seiner Kollegen der Band Malice Mizer besser aussahen, als so manche Frau und mehr geschminkt waren sie sowieso, beispielsweise hier. Die Musik dieser Band war zudem noch nicht einmal schlecht und als ich gerade nach Jahren wieder reingehört habe, stellte ich fest, dass sie mir immer noch gefällt, vor allem nach wie vor Beast Of Blood. Man versteht zwar weder, was sie da auf Englisch singen, noch (logischerweise) das Japanische, aber wahrscheinlich ist das auch das, was die Faszination ausmacht.

In den letzten Jahren habe ich jetzt die japanische Literatur für mich entdeckt und mich verliebt!
Der vermutlich bekannteste Vertreter moderner japanischer Literatur ist ja Haruki Murakami. Dessen Gefährliche Geliebte hat einmal dafür gesorgt, dass ich ein Wochenende lang mein Zimmer nicht verlassen habe, weil ich nicht aufhören konnte zu lesen! Gerade eben bin ich auf den letzten Seiten von Mein Körper weiß alles - Dreizehn Kurgeschichten, die mir die japanische Kultur noch ein Stück näher gebracht haben bzw. mich wieder in den Bann Japans gezogen haben. Ich liebe die Art, wie Japaner schreiben. Auch in der deutschen Übersetzung merkt man, dass sie eine ganz besondere Art haben, mit Worten umzugehen, eine spezielle Art, die Dinge zu betrachten. Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue und ich wünsche mir immer, auch so schreiben zu können und so einen Blick entwickeln zu können!
Auch nicht-japanische Autoren können übrigens wunderbar über Japan und die Kultur dort schreiben, beispielsweise überraschte mich die Schauspielerin Franka Potente sehr mit ihrem kleinen Büchlein Zehn, das auch Kurzgeschichten über Japan, die Kultur und die Menschen enthält. Die Französin Amélie Nothomb, die ich sowieso sehr verehre, ist in Japan aufgewachsen und hat auch lange Zeit dort gelebt. Das merkt man auch, wenn man Der japanische Verlobte liest - mal davon abgesehen, dass auch französische Autoren wahnsinnig gut schreiben und der Stil einfach wunderbar passt, um zarte, japanisch-europäische Liebesgeschichten zu beschreiben.

Sushi mag ich übrigens auch, ich könnte mich eigentlich davon ernähren. Das nur am Rande, denn es rundet das Bild doch irgendwie ab. Genauso wie meine Leidenschaft für grünen Tee. Schon lange will ich mir im Englischen Garten das Japanische Teehaus ansehen, habe es aber bisher noch nicht geschafft. Ist wohl wirklich an der Zeit!

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